Samstag, 10. September 2011

Meine guten Gründe, mit dem Tarot de Marseille zu lesen

Beim vorletzten Stammtisch habe ich spontan eine kleine Einführung in die Welt des Tarot gegeben. Leider hatte ich nur mein kleines RiderWaiteSmith-Deck dabei… Bei der Gelegenheit habe ich – mal wieder – bemerkt, wie sehr mir der Tarot de Marseille am Herzen liegt.


Hier sind also meine 6 guten Gründe, warum ich bevorzugt mit dem Tarot de Marseille lese:
  1. Die Bilder bestechen (mich) durch ihre Schlichtheit und haben dadurch eine klare Sprache.
  2. Die Symbolik der Trümpfe entspricht meiner abendländischen Prägung, ich kann sie recht leicht entschlüsseln (zumindest leichter als so manches themen-, mythen- oder weltanschauungsorientierten Deck). Die 'Reise des Helden' (wie sie Hajo Banzhaf beschrieb) und der 'Weg der Individuation' (nach C.G. Jung) wird durch die Trümpfe dargestellt. Wenn wir weit vorher, also in der Entstehungszeit des Tarot bleiben, so lässt sich diese Individuation auch beim Pilger auf dem Jakobsweg nachvollziehen – eine Form der Individuation lange bevor die beiden Herren diese beschrieben. Die Wunde auf dem Bein des Mat erinnert doch stark an die Geschichte des Heiligen Rochus.
  3. Die Bilder der Trümpfe beziehen sich direkt aufeinander und greifen Details – meist nicht sofort sichtbar – wieder auf. So findet sich z.B. das fehlende vierte Tischbein von I Bateleur im Gewand der II Papesse an. Ihr auf den Knien liegendes Buch wiederholt sich in den Falten des Umhangs von VIIII Hermite. Ihre Finger zeigen auf die erste und die siebte Zeile auf den Seiten des Buches und schlagen eine Verbindung zu XVII L´Etoille. – Es gibt immer neue Hinweise zu entdecken, über die es zu meditieren lohnt!
  4. Im TdM findet sich eine einheitliche räumliche Ausrichtung der dargestellten Figuren mit klaren Blickrichtungen. Le Mat bewegt sich immer von links (Vergangenheit) nach rechts (Zukunft), L´Hermite beleuchtet mit seiner Laterne immer die linke Seite (Vergangenheit).
  5. Die Titel haben teilweise andere Bedeutungen. So heißt der Narr nicht etwa Le Fou, sondern Le Mat. Was übersetzt auch 'Passepartout' heißt – passer partout –> überall hinziehen. Der Geliebte heißt L´Amoureux –> der Verliebte und zeigt einen Mann, der zwischen zwei Frauen steht und offensichtlich eine Entscheidung für die eine oder andere treffen sollte. Die Franzosen haben eine 'Sprache der Vögel' (la langue des oiseaux), die sich aus der Lautsprache ergibt: 'Le Jugement' (das Gericht) klingt im gesprochenen Wort genau wie 'le juge ment', was allerdings bedeutet 'der Richter lügt'…
  6. Die vermeintlich unbebilderten Karten der Kleinen Arkana entgehen weiträumig einer durch die Darstellung be-wertenden Interpretation. Ihre Entschlüsselung ergibt sich einfach aus Zahl (–> siehe entsprechender Trumpf) und Element (–> auf welcher Ebene drückt sich die Energie der Zahl / des Trumpfes aus). Sie lassen sich dadurch flexibler auf die hinterfragte Situation deuten.

Und wenn wir glauben, am Ziel des Weges – als Pilger in Santiago de Compostela – angekommen zu sein, so zeigt uns die Welt, dass wir zwar einmal tief durchatmen und uns am Erreichten erfreuen dürfen. Aber dies ist nur ein Etappensieg, wie uns die Bilder zu verstehen geben. Es bleibt uns ja noch der Rückweg nach Hause mit neuen zu überstehenden Abenteuern…

XXI Le Monde und Le Mat aus dem Convers-Tarot


6 Antworten:

Lino hat gesagt…

Am faszinierendsten finde ich immer noch - egal welches Deck, welche Sprache, welche Interpretationsweise - wenn es einer liest, der davon etwas versteht - paßt es immer.

Phine hat gesagt…

Ja, das ist das Wunderbare an der Bildsprache…
Und ich denke, ich werde auch immer mit anderen Decks und Kartensystemen arbeiten, wenn ich auch den TdM bevorzuge ;-) .

Monika hat gesagt…

ich find das faszinierend, weil ich mit reinen Zahlenkarten blind bin wie nur irgendwas,

ich schätze eine reiche Bildsprache bei Decks, zb Röhrig,
und ich vermute dies liegt an meinem sehr intuitiven Zugang,
ich sehe dann Bildgeschichten - und zu diesem Bild tät mir PassPartout niemals einfallen - ich lese aber gerne, wenn Menschen dies können, es ist die mir eben fremde, weil fehlende Welt des Tarots - und ich nehm dabei immer was mit

Phine hat gesagt…

Liebe Monika,

ich verstehe genau, was du mit den vermeintlich 'unbebilderten' Zahlenkarten meinst.
Das ging mir früher auch so – bis zum kleinen Seminar von Enrique Enriquez im Aeclectic Tarot Forum ;-) . Seitdem empfinde ich die Zahlenkarten nicht mehr als schlichte Abbildung der Symbole in einer bestimmten Anzahl… Wenn dich seine Übungen interessieren, die wir zur Erforschung des TdM gemacht haben, kannst du sie ganz am Anfang des Blogs finden, denn sie waren der Grund, das ich es begonnen hatte.

Übrigens liebe ich das Röhrig-Deck auch!! Aber das ist dir sicher schon aufgefallen…


Beste Grüße
von Phine

Monika hat gesagt…

ja da stöber ich doch wie ich mal gute halbe Stunde Zeit habe eh rum...


kreuz und quer lese ich mich hier durch...

;)

hie und da lächel ich dann in meinem Alltag, wenn ich den Wert des return of invest gleichzeitig mit der Bedeutung der Ziffern/Zahlen im Kopf übersetze ;);)

Phine hat gesagt…

Das ist cool!
hie und da lächel ich dann in meinem Alltag, wenn ich den Wert des return of invest gleichzeitig mit der Bedeutung der Ziffern/Zahlen im Kopf übersetze ;);)
Solche Momente mag ich besonders gerne…