Samstag, 21. Mai 2011

Ja-Nein-Auslage mit 6 Karten – Beispiellesung

Um dieses Legesystem auszuprobieren treffen wir nach längerer Zeit mal wieder Ulrike am gewohnten Ort im 'Café fictif'. Wir kommen gerade zur rechten Zeit, die Lesung beginnt gerade… Zur Information für uns Nachzügler: Die heutige Fragestellerin ist Nicole. Sie möchte gern abschätzen können, ob ein Kunde Regressansprüche an sie stellen wird, bei dessen Warenlieferung es Probleme gab.

… "So, Nicole, dann lass uns doch einen Blick in die Karten werfen!" sagt Ulrike und reicht das Tarotdeck weiter. "Ich habe heute wieder den Intuitive Tarot dabei. Misch das Deck mal gründlich durch. Du kannst die Karten auch gern auf den Tisch legen und kräftig in ihnen rühren. Für die Auslage brauchen wir aufrechte und umgedrehte Karten. Dafür ist das eine gute Methode."
Nicole nimmt den Stapel und mischt, ihre Gedanken auf die Situation mit ihrem Kunden gerichtet, in der vorgeschlagenen Weise.
"Fertig!" vermeldet sie nach einer Minute meditativen Mischens.
"Fein, dann leg die Karten mal wieder zu einem Stapel zusammen und reich sie mir rüber. Bitte sag mir dabei, welche kurze Seite der Karten nach oben und welche nach unten zeigen soll." weist Ulrike sie weiter an.
Nicole vereinigt die über den Tisch verstreuten Karten wieder zu einem Stapel und gibt ihn, die Ober- und Unterkante bezeichnend, an Ulrike zurück.

"Auf geht´s! Bei dieser Auslage musst du noch nicht einmal Karten ziehen, sondern ich zähle jetzt ganz schlicht den Stapel durch. Jede dreizehnte Karte lege ich aus." Ulrike fängt an und erhält nach kurzer Zeit das antwortgebende Kartenbild.

Die Antwort
"Tjaaa, liebe Nicole…" sagt Ulrike gedehnt. "Die Anwort ist ein deutliches JA. Dein Kunde scheint tatsächlich einen Regressanspruch geltend machen zu wollen. Von sechs Karten liegen fünf aufrecht und nur eine einzige Karte liegt umgedreht."
Nicole guckt ein wenig unglücklich in die Runde.
"Lass uns doch mal ein bisschen hinter die Kulissen schauen. Wenn ich die Karten jetzt umlege, wissen wir vielleicht ein bisschen besser Bescheid, warum es dazu kommen dürfte. Einverstanden?"
"Ja, mach mal! Ich habe so gehofft, dass der Kelch an mir vorüber geht." willigt Nicole ein.

Antwort im Kreuz ausgelegt
"Was mir schon in der Reihe auffiel, ist die Häufung des Erdelements. Münzen-Bube, Münzen 7, Münzen-As und Trumpf XXI Die Welt – hier geht es um Geld. Das ist wie eine Bestätigung des Themas." beginnt Ulrike das Bild zu interpretieren. "Außerdem zeigt es, dass es ein langsam verlaufender Prozess werden dürfte. In der Mitte liegt die Schwert 5, das Thema, um das es bei diesem Regress geht. Das ist die einzige Karte, die ein aktives Element repräsentiert. Sehen wir uns doch einfach die Bilder genauer an." Ulrike nimmt dafür die Karte Schwert 5 aus der Auslage.
"Das sieht aus, als würde die nackte Frau von dem Mann in der dunklen Kutte gleich geköpft. Ich dachte gleich an eine Hinrichtung, als ich die Karte vorhin sah." schildert Nicole ihren ersten Eindruck der Karte. 
"Genau daran erinnert mich das Bild auch. Ich lese daraus, dass dein Kunde sich ausgeliefert fühlen könnte. Nackt bedeutet für mich auch 'schutzlos'. Er ist einer Gefahr ausgesetzt – die mag er als existenziell empfinden. Natürlich möchte er aus dieser Situation raus. Je eher, je lieber, möchte ich mal annehmen. Doch sehe ich auch dich in der Rolle der schutzlos dem Schwert ausgelieferten Dame. Der schwarze Mann ist ja eigentlich nur ein Schatten… Möglicherweise bist du ja auch 'Opfer der Umstände' und konntest die Lieferung nicht einhalten, weil es schon vorher zu Verzögerungen kam?" Ulrikes Augen wandern während sie das sagt zur Münzen 7.
"Ja, so war das auch. Ich musste selber warten, bis die Lieferung bei mir eintraf. Vorher konnte ich die Ware ja gar nicht weiterschicken."
"So, dann lass uns den Einfluss anschauen, der zu dieser Thematik hinzukommt." Ulrike legt die Schwert 5 wieder an ihren Platz und greift den Trumpf heraus.
"Was für eine Wandlung der nackten, kauernden Frau – was meinst du?" fordert sie Nicole auf, sich mit dieser Karte zu befassen.
"Ja, wie ein Phönix aus der Asche steigt sie auf. Aus dem Häufchen Elend ist eine selbstbewusste Person geworden." Nicole vergleicht die beiden Bilder mit ständig hin und her huschendem Blick.
"Finde ich auch. Das ist das, was dein Kunde gern hätte, genau wie du auch: Sich dem Licht öffnen, aufrecht und strahlend aus der ganzen Angelegenheit hervorgehen. Hier kommt es mir ein bisschen vor, wie der Kampf um den Platz an der Spitze. Genugtuung und Recht bekommen schießt mir in den Sinn. Wobei Recht bekommen und Recht haben nicht dasselbe sein muss!"
"So, woher rührte die Situation?" Ulrike nimmt die umgedrehte Münzen 7 auf, während sie den Trumpf wieder an seinen Platz legt.
"Naja, wir mussten halt warten, bis ich die Ware bekam, damit ich sie ihm zuschicken konnte!" entrüstet sich Nicole.
"Dann liegt dafür ja genau die richtige Karte an diesem Platz. Die Münzen 7 ist eine 'Geduldskarte'. In diesem Deck kann man eine Person im Vordergrund liegen sehen, wie sie Löcher in die Luft starrt." Ulrike dreht die Karte aufrecht, damit sich Nicole ein besseres Bild machen kann. "Abwarten und Tee trinken… Däumchen drehen… Das sind so meine Assoziationen zu dieser Karte. Und da sie umgedreht liegt, scheint das nicht so genehm zu sein. Abwarten gehört nicht zu den Stärken – weder von dir noch vom Kunden, könnte ich mir vorstellen."
"Das passt wunderbar." schließt Nicole die Betrachtung ab.
"Mal sehen, was die Vergangenheit so verrät." Wieder tauscht Ulrike die Karten aus.
"Die Kelch 7 versinnbildlicht Wünsche und Hoffnungen, die sich auf die Reise begeben. Daraus resultieren oftmals Illusionen, Träume und Erwartungen, die nicht unbedingt erfüllt werden." denkt Ulrike laut.
"Naja, der Händler hatte mir versprochen, dass er die Lieferung gleich versenden würde. Darauf habe ich mich ja auch verlassen und dem Kunden eine schnelle Weiterleitung in Aussicht stellen können." entgegnet Nicole kleinlaut.
"Das kann ich mir denken. Da hat man eine Zusage und will die auch schon als erfüllt sehen… Und dann kommt die Ent-Täuschung, weil es doch nicht so klappt, wie erhofft. Dazu passt auch der Münzen Bube sehr gut, der sich oben im Bild befindet. Er steht für die Gedanken und Wünsche. Hier sah ich sofort deinen Kunden, wie er seine Ware in Händen hält und genau anschaut. 'Ich habe eine Münze' strahlt er mit jeder Pore aus. Und sie ist wertvoll, so wie sie verziert ist. Er hat einen Wert in seinen Händen. Und den will er auch zum angemessenen Preis besitzen. Die Verzögerung ist für ihn wohl wertmindernd."
"Hmmm, ja. Das mag sein. Aber ist doch schon irgendwie merkwürdig, oder? Deshalb ist der Wert doch nicht geringer!" wendet Nicole ein.
"Der materielle Wert sicher nicht – aber sein persönlich empfunder vielleicht schon…" gibt Ulrike zu Bedenken. "Außerdem zeigt sich hier 'nur' ein Bube – das zeugt von einer etwas blauäugigen, unreifen Herangehens- und / oder Denkweise."
"Wie dem auch sei," fährt sie fort "am Ende liegt nur eine Münze aus. Ich denke, der Regress, den er geltend machen kann, wird nur schmal ausfallen. Das ganze Bild wirkt wie eine Fahrt mit angezogener Handbremse. Die Zahlenwerte sind ungerade und befinden sich damit in einer aktiven Schwingung, doch bis auf die Schwertkarte sind diese aktiven Energien in passiven Elementen gefangen. Das wirkt auf mich sehr zäh und beschwichtigend."
"Ich danke dir für diese Einschätzung. Jetzt bin ich nicht mehr so unruhig, was eine mögliche Auseinandersetzung mit dem Kunden betrifft. Soll er mal kommen. Ich denke, ich bin jetzt deutlich besser gerüstet für seine Forderungen. Und wenn es denn so sein soll, kann ich den Schaden für mich doch hoffentlich bestmöglich begrenzen."
Nicole lässt das Bild noch ein bisschen auf sich wirken und betrachtet die ungewohnten Karten voller Interesse. – Da können wir uns ruhig leise ausblenden…

7 Antworten:

Devona hat gesagt…

Lieben Dank für dieses ausführliche Beispiel, da hast Du Dir ja wieder mal richtig Mühe gemacht!

Ich habe nun für mich beschlossen, ich nehme das als nettes, schnelles Orakel. Ich KANN definitiv nicht mit umgedrehten Karten (mich macht schon alleine die Optik wuschig), deshalb verzichte ich auf das KK, obwohl das natürlich eine schöne Ergänzung ist. Oder meinst Du, ich könnte die Karten richtig herum positioniert legen...erscheint mir zwar intuitiv nicht richtig, aber irgendwie reizt mich das KK als kleine Ergänzung ja schon...

Phine hat gesagt…

Ich finde diese Kombination aus Orakel und Deutung einfach klasse. Dieses Legesystem habe ich nun schon mehrfach probiert und es hat immer akkurate Ergebnisse gezeigt :-o .

Und natürlich kannst du das Kreuz auch mit aufrechten Karten auslegen, wenn dich das bei der Deutung unterstützt! Vielleicht legst du zuerst das Kreuz aus, wie die Karten erschienen (wegen der Blickrichtungen z.B.) und drehst sie dann gleich aufrecht. Dann erinnerst du vielleicht besser, welche Karten auf dem Kopf standen.
Das hatte ich bei der Befragung mit Lenormandkarten auch gemacht. Die deute ich NIE, wenn sie auf dem Kopf liegen und werde das auch jetzt nicht anfangen ;-) . Das funktionierte ganz wunderbar! (Wäre eigentlich ein weiteres Beispiel wert, oder?)

Devona hat gesagt…

Ja, ich würde das gerne probieren. Ich hab nur momentan keine Fragen *ggg*...fällt Dir was ein? Ich möchte gerne mein Mystic-Dreamer Tarot mal einweihen, bei Anas Karten fehlt mir trotz Deiner grandiosen Mindmaps noch der "direkte Zugriff", ich operiere doch noch sehr diffus damit herum. Du weißt schon, wie ich das meine *gg*...

Phine hat gesagt…

*lach* Frag doch einfach, ob es für dich richtig ist, das Kreuz im Anschluss mit aufrechten Karten zu deuten!
Bin gespannt auf die Antwort der Karten darauf.

(Übrigens: Ich ertrug früher auch keine umgedrehten Karten im Deck… Das änderte sich erst mit dem Kennenlernen der Camoin-Methode.)

Devona hat gesagt…

Ich glaube, beim TdM und Camoin stört es mich auch nicht so, weil man aufgrund der sparsamen Bebilderung den "optischen Überblick" behält und man ja eh nur (falls ich mich recht entsinne) mit den GA arbeitet, irgendwie habe ich das aufgrund der ausufernden Blickrichtungsregeln nicht vertieft...bei einem kunstvoll-bunten R/W-Klon bekomme ich da aber Augenkrebs *gg* und dadurch dann keinerkei gedankliche Struktur in die Lesung...ich hatte ganz am Anfang mal bei Hajo gelesen, man möge sich entscheiden, wie man arbeitet, ob mit oder ohne umgedrehte Karten, aber man möge doch dann auch bitte dabei bleiben...ich hab mich pragmatischerweise für mit ohne *lol* entschieden, nicht zuletzt auch deshalb, weil das ständige Sortieren der Karten dann auch irgendwann nervt.

Na gut, dann befrage ich jetzt mal *gg*...

Luc hat gesagt…

Ich habe als Neuling nur erst wenig Erfahrung mit Tarot.
Bisher ist es mir nicht gelungen für Andere etwas Positives aus den Karten zu erbringen, aber es hat Mir sehr geholfen mich selbst zu verstehen. So manche meiner eigenen Reaktionen kann ich heute besser einschätzen.
Aber „ohne Fleiß kein Preis“ gilt auch hier. Man muss sich Mühe geben und auch Zeit lassen.
Alles doch sehr verwirrend für einen Anfänger. Je mehr man liest desto mehr begreift man, dass man gar nichts weis. Ich glaube ich muss da noch sehr viel Zeit und Energie reinstecken.
Danke für den Umfangreichen Artikel.
Luc

Phine hat gesagt…

Der Tarot ist ein wunderares Mittel, um mit sich selber in Kontakt zu treten…
Bilder sagen mehr als 1000 Worte – und somit ist Geduld sicher eine besonders wichtige 'Zutat', um ihre Botschaften zu verstehen. Denn bei Bildern geht es nicht darum, einen Text in angemessener Zeit zu lesen und zu verstehen. Bilder sprechen das Gefühl direkt an, transportieren in Sekundenbruchteilen eine Flut an Informationen, die wir erst nach und nach und nacheinander verarbeiten können. Manchmal ist es ein Detail im Bild, das unsere Aufmerksamkeit voll und ganz in Anspruch nimmt, weil es etwas in uns zum Klingen bringt…
Ja, das Studium erfordert Zeit, aber das kann sehr wertvolle Zeit im Dialog mit sich selbst bedeuten ;-). Das ist dann keine 'verlorene' Energie, sondern eine intensive Zeit, die man sich selber widmet.

Luc, ich wünsche dir viele spannende, intensive Stunden mit deinem Deck – oder deinen Decks, vielleicht hast du ja mehr als eins?
Solltest du noch nach einer guten einführenden Literatur Ausschau halten, dann empfehle ich dir von Lilo Schwarz "Im Dialog mit den Bildern des Tarot".