Freitag, 14. Januar 2011

Beispiellesung 'Der verlorene Mann'

Um für das Legesystem 'The Lost Man Spread' von Ana Cortez ein Beispiel zu liefern, möchte ich gern mal wieder Mäuschen spielen, wenn Ulrike im Café die Karten liest.
(Für neu hinzugekommene: LeserInnen: Ulrike ist ein fiktiver Charakter, der mir hilft, Lesungen am Beispiel für Legesysteme auszuprobieren.)


Ulrike hat sich dieses Mal im Café mit ihrer befreundeten Kollegin verabredet. Kristina und sie helfen sich oft gegenseitig in Beratungsfragen und teilen ihre neuesten Erkenntnisse und 'Fundstücke' miteinander.
Im Laufe ihrer privaten Unterhaltung fällt Ulrike auf, dass Kristina irgendwie bedrückt und dabei auch in sich rastlos wirkt. Auf diesen Eindruck angesprochen, stimmt sie Ulrike zu.
"Ja, das hast du richtig beobachtet. Ich weiß auch nicht…" Sie starrt in ihren Milchkaffee. "Alles dreht sich im Augenblick viel zu schnell um mich. Ich weiß gerade nicht so genau, in welche Richtung es mich zieht und in welche Richtung ich selber laufen möchte."
"Sag mal," fragt Ulrike "hast du Lust, mit mir ein neues Legesystem zu erproben? Ich habe es gerade erst entdeckt und denke, es passt genau zu einer solchen Situation. Ist zwar aus einem Buch über Spielkarten, doch kann man es sicher auch mit Tarot legen."
"Ja klar bin ich dabei!" kommt es prompt von Kristina. "Kennst mich doch, für sowas bin ich immer zu haben. Hast du Karten dabei?"
"Haben wir uns je ohne Deck getroffen?" schmunzelt Ulrike. "Ich habe sogar ein illustriertes Spiel mitgenommen. Nicht nur TdM."
"Oh, das freut mich!" ruft Kristina leise aus. "Irgendwie kann ich die doch besser lesen. Versteh mich nicht falsch, ich finde den TdM wunderschön. Aber ich bin ihn einfach nicht gewohnt."
"Dann dürfte der 'Intuitive Tarot' was für dich sein." Ulrike zieht den Beutel mit den Karten aus ihrer Tasche.

"Also, das Legeschema heißt 'The Lost Man Spread', zu deutsch 'Der verlorene Mann'. In diesem Falle dann eben 'The Lost Woman Spread'." Ulrike kichert vor sich hin.
"Lass uns deinen Signifikator nehmen – wie immer, wenn´s Recht ist, nach Tierkreiszeichen. Bleibt wohl auch weiterhin bei der Schwert-Königin. Oder hat sich in der Zwischenzeit an deiner Zwillings-Sonne etwas verändert?" Ulrike freut sich auf´s Ausprobieren und mischt beim weiteren Erklären des Legesystems die Karten. Dann gibt sie den Stapel an Kristina weiter.
"Hier, misch du mal weiter. Ist ja deine Lesung." Sofort greift Kristina nach den Karten und mischt, bis sie das Gefühl hat, es sei genug. Dann gibt sie das Deck an Ulrike zurück.
"Na dann mal los. Nun bin ich ja gespannt!"
Ulrike dreht den Stapel um und fächert ihn ein wenig auf, bis sie die Schwert-Königin findet. Diese legt sie mit den vorangegangenen und nachfolgenden drei Karten offen aus.

The Lost Woman
"Nicht schlecht!" staunt Ulrike. "Da hast du mit den Trümpfen ja nicht gespart… Vier von sechs Karten um dich herum zeigen Erfahrungen an, deren Erleben dich derzeit beeinflussen. Drei davon ganz dicht bei dir und damit am stärksten im Einfluss. Kein Wunder, dass du dich im Augenblick so gebeutelt fühlst. Mir springen ja gleich die nächstgelegenen ins Auge. Die Kraft und Der Narr. Sich selber ausleben und ausdrücken, ohne zu wissen, in welche Richtung es geht, immer dem Augenblick nachgebend. Aber diese Freiheit des Narren scheint sich für dich nicht so leicht anzufühlen, wo er doch umgedreht liegt. Als wenn du dir das 'Vagabundieren durch deine Lüste'  und freie Ausdrücken deiner selbst nicht zugestehen wolltest."
"Na, das trifft den Nagel auf den Kopf…" Kristina schaut auf das Kartenbild und nagt an ihrer Unterlippe. "Ich wundere mich im Augenblick oft über mich selber, weil ich aggressiver auftrete, als ich es von mir gewohnt bin. 'Das bin nicht ich', denke ich dann oft. Dabei fühlt es sich gar nicht mal so schlecht an – im Nachhinein wohlbemerkt, wenn der erste Schreck über mich selber vorbei ist."
"Guck mal, das ist auch im Bild so zu finden. Von den Elementen her liegen um die luftige Schwert-Königin noch einmal Luft durch den Narren und Feuer durch die Kraft. Ich sage ja gern: Da brennt die Luft. Das hat schon ein aggressives Potenzial. Weder mitfühlendes Wasser noch eindämmende Erde gebieten dem Einhalt. Da sind nur Ideen, die vom Wollen angetrieben werden. Ohne Konzept und ohne die nötigen materiellen Grundlagen."
Kristina sieht sich die Konstellation ganz genau an. "Und der Turm dabei ist ja eine prächtige Verlängerung. Auf den reitet die Löwenbändigerin ja mutig zu… Mittenrein ins Getümmel. Wie in eine Schlacht!"
"Und was schützt der Turm?" fragt Ulrike.
"Wenn ich die Münzen 3 dahinter sehe, dann wohl meine 'üppig blühende Arbeit'… Nicht schon wieder dieses Thema!" stöhnt Kristina auf.
"Ich hab nix gesagt!" hebt Ulrike in amüsiert abwehrender Haltung die Arme. "Du weißt es doch selber, siehst es schon lange. Und? Hast du das Gefühl, dort schon voran gekommen zu sein?"
Kristina zieht hörbar die Luft ein und presst ein "Nein." heraus.
"Na fein, dann haben wir auf diesem Arm der Auslage das berufliche Thema angesprochen. Selbstausdruck durch Zerstören von überreichlicher Arbeit, dieses ständige Eingebundensein in die Maschinerie, das unermüdlich sich drehende Zahnrad im Getriebe hat ausgedient. Um mal bei den Darstellungen dieses wunderschönen Decks zu bleiben."
"Ja, das kann ich so stehen lassen." erklärt sich Kristina mit dieser Interpretation einverstanden.

"Und nun zum anderen Arm." Ihr Blick gleitet über den Narren, den Münzen-Pagen und die Liebenden.
"Ganz platt hintereinander weg lese ich: Die noch ungenutzte Freiheit, sich für eine andere Profession  zu entscheiden. Sicher wärest du da wieder 'Lehrling' und fingest wieder von vorne an. Ist halt ein Page und kein König, der da liegt." liest Ulrike die Karten.
"Prima, ich danke dir. Du hast meinen merkwürdigen Schwebezustand sehr schön auf den Punkt gebracht. Mir fiel auch gleich auf, dass keine Kelchkarte ausliegt oder ein wässriger Trumpf. Mir fehlt da echt noch die Inspiration, in welche Richtung ich gehen könnte." Kristina schaut versonnen auf die Bilder.

"Na, dann weißt du ja, was fehlt und wo du suchen solltest. Begib dich auf die Suche nach deiner Wasserader. Spür in dich hinein, horch in dich hinein, wohin dich dein Herz zieht. Was machst du besonders gern, bei welchen Tätigkeiten bist du glücklich und zufrieden?"
"Danke, dir Ulrike. Ich werde das Bild noch eben abphotographieren, damit ich es noch weiter auf mich wirken lassen kann. Dem werde ich noch ein bisschen nachgehen in der nächsten Zeit."
"Das solltest du auch machen. Die Quintessenz ist der Eremit, wenn ich gerade richtig gerechnet habe. Zieh dich mal damit in dich zurück und betrachte in Ruhe, was du bisher gemacht und geleistet hast. Und wie sich dein nächster Abschnitt gestalten könnte. Du machst das schon!"


Hier verlasse ich den Tisch leise wieder und hoffe, dem Auslegeschema etwas Leben eingehaucht zu haben. Für mich war es das erste Mal, dass ich dieses Legesystem versucht habe.
Dabei fühlte es sich für mich besonders stimmig an, aus beiden Arme als jeweils einen Satz zu bilden.
Ich würde mich freuen, über eure Erfahrungen zu lesen, wenn ihr das Legesystem selber ausprobiert.


2 Antworten:

Ursula hat gesagt…

Hallo Phine,
das ist mal ein schöner Text und ein interessantes Legemuster. Vielleicht sehen wir uns beim Kartenstammtish.
Viele Grüße
Ursula

Phine hat gesagt…

Liebe Ursula,


danke für deine ermunternden Worte. Mir macht es Spaß diese kleinen Geschichten zu spinnen – das ist mir erst so nach und nach bewusst geworden ;-) .
Das Legesystem finde ich sehr schön, insbesondere nach dieser 'Annäherung'. Das kann ich mir auch gut vorstellen für den Einstieg in eine Beratung…


Liebe Grüße,
und vielleicht im Februar beim Stammtisch,
Phine